,

Die Atmung

http://blog.frank-ritter-coaching.de/wp-content/uploads/2019/01/frank-ritter-coaching-die-atmung-800x600.jpg

Die Atmung

Die Atmung ist einer der zentralen Punkte für unsere Gesundheit und hat große Auswirkungen auf unseren Stresslevel. Genau aus diesem Grund ist die Atmung der „kleinste gemeinsame Nenner“ aller Entspannungstechniken. Wenn du zu einem guten Lehrer gehst, egal bei welcher Entspannungstechnik, dann wird die Atmung immer eine zentrale Rolle einnehmen. Wir können Wochen ohne feste Nahrung überleben. Wir können hingegen nur wenige Tage ohne Flüssigkeit überleben.

Ohne zu atmen, überleben wir nur wenige Minuten.

 

Physiologische Grundlagen der Atmung

Weit verbreitet ist der Irrglaube, dass der alles entscheidende Parameter unserer Luft der Sauerstoff ist. Wir sollen deshalb tief und kräftig ein- und ausatmen, mal richtig durchatmen, eine Sauerstoffdusche nehmen… So lauten die häufig gegebenen Ratschläge aus dem „Volksmund“. Ist das sinnvoll und welchen Nutzen bringt es uns?

 

Sauerstoff

Die Sauerstoffsättigung eines gesunden Menschen im Blut beträgt 95-99%. Das kann man mittels eines Pulsoximeters ganz einfach messen.

Ich messe in meinen Seminaren die Sauerstoffsättigung im Blut eines Teilnehmers während er ganz normal atmet, ohne vorher Anweisungen bekommen zu haben. Da in meinen Seminaren meist der Durchschnittsbürger sitzt und keine schweren Fälle von Asthmatikern oder anderen Atemwegserkrankten, liegt die Messung fast immer im oberen Bereich der 95-99 % Sauerstoffsättigung. Gleichzeitig wird der Puls mitgemessen. Ich lasse den Teilnehmer nun tiefe, kräftige Atemzüge durch den Mund nehmen. Die Sauerstoffsättigung verändert sich dabei nicht. Der Puls steigt jedoch flott an. Anschließend fordere ich den Teilnehmer auf, die Einatmung zu halbieren. Er atmet nun halb so viel ein wie vorher und atmet danach ganz entspannt wieder aus und zwar durch die Nase. Nach einigen Atemzügen fühlt der Teilnehmer einen sogenannten „Lufthunger“ aufkommen. Er hat das Verlangen tiefer einzuatmen, wir geben diesem Lufthunger aber noch nicht nach, sondern behalten die halben Atemzüge bei. Nach ein paar weiteren halben Atemzügen darf der Teilnehmer seinen Lufthunger befriedigen und wieder seinen normalen Atemrhythmus einnehmen. Die ganze Zeit lang bleibt die Sauerstoffsättigung im Blut konstant, obwohl der Teilnehmer danach allen anderen berichtet, dass er „Lufthunger“ gefühlt hat. Wie kann das sein? Die Sauerstoffsättigung muss doch, logisch betrachtet, abnehmen, wenn nur halbe Atemzüge genommen werden. Ist Sauerstoff vielleicht gar nicht der limitierende Faktor?

Kohlendioxid

Der oben beschriebene „Lufthunger“ bei den halben Atemzügen wird in der Tat durch den Anstieg von Kohlendioxid (CO2) ausgelöst. Durch die halbe Atmung wird weniger vom CO2 ausgeatmet. Der Pegel im Körper steigt. Wir haben feine Rezeptoren im Körper, die permanent den CO2 Pegel, die Sauerstoffsättigung und den PH-Wert im Blut messen und an unsere Zentrale – das Gehirn – senden. Ab einem gewissen CO2 Pegel löst unser Gehirn dann den Atemreflex bei unserer Atemhilfsmuskulatur aus – das ist der beschriebene Lufthunger. Wir geben dem Bedürfnis nach und nehmen einen tiefen Atemzug. Die Sauerstoffsättigung bleibt dabei die ganze Zeit konstant. Über die tiefere Ausatmung atmen wir jedoch das angesammelte und überschüssige CO2 aus. Das beseitigt unser Gefühl von Lufthunger. Der Lufthunger entsteht also durch den höheren Pegel an CO2 und nicht mangels Sauerstoff.

So weit so gut, jetzt wird es etwas komplizierter. Wenn du im Alltag zu den Menschen gehörst, die viel und flach oder auch viel und tief atmen, dann gehörst du zur Spezies der „chronischen Hyperventilierer“. Wir können problemlos dreimal so viel Luft einatmen, als wir benötigen, ohne es zu bemerken. Das bringt keinerlei Mehrwert, sondern es hat negative Auswirkungen auf unsere Gesundheit und unseren Stresslevel. Du kannst ganz einfach testen, ob du zu den „chronischen Hyperventilierern“ gehörst, indem du dir die folgenden Fragen beantwortest.

 

6 Fragen zur richtigen Atmung für den Alltag

  • Atmest du häufig durch den Mund ein und aus? (z.B. bei Bewegung, Treppensteigen, Einkaufen oder beim Sport,…)
  • Atmest du in den Brustkorb ein und aus?
  • Machst du mehr als 12 Atemzüge die Minute? Nicht, wenn du dich jetzt drauf konzentrierst und bewusst tiefer atmest, sondern im ganz normalen Alltag.
  • Machst du keine Pause zwischen der Aus- und der Einatmung?
  • Seufzt du häufig im Alltag bzw. atmest du häufig geräuschvoll ein und aus?
  • Atmest du zur Entspannung häufig tief und kräftig ein und aus?

 

Hast du einige der Fragen mit „Ja“ beantwortet? Dann könnte es sein, dass du hier Optimierungspotential hast. Durch den schnelllebigen Zivilisationsalltag hast du dir ein falsches, zu schnelles und flaches Atmen angewöhnt. Unter Stress verflacht und beschleunigt sich die Atmung automatisch und es wird vermehrt in den Brustkorb geatmet. Speziell ist das der Fall, wenn du häufig durch den Mund atmest. Das wurde in vielen Studien beobachtet.

Was passiert da nun genau? Hier ein mögliches Szenario. Wird z.B. durch eine Stressphase für einige Wochen falsch geatmet, dann verschiebt sich unsere Toleranzschwelle für CO2, da ja durch die beschleunigte Atmung permanent CO2 ausgeatmet wird. Der CO2 Pegel ist dadurch dauerhaft niedrig. Dein Gehirn „gewöhnt“ sich schnell daran und löst zukünftig viel früher den Atemreflex aus, da es weniger CO2 toleriert. Ist die Stressphase vorbei, atmest du durch die „Umprogrammierung“ weiter flach und schnell. Deine Rezeptoren zwingen dich dazu, da sie viel zu früh Lufthunger signalisieren. Du hast dir eine falsche Atmung angewöhnt.

Das Hauptproblem beim „chronischen Hyperventilieren“ ist folgendes: Der Sauerstoff aus dem vollkommen ausreichend gesättigten Blut muss in die Zellen gespeist werden. Dort benötigst du ihn, um Energie bereit zu stellen. Denn in den Zellen findet der Stoffwechsel statt. Je niedriger dein CO2 Pegel ist, desto schlechter funktioniert der Sauerstoffaustausch vom Blut zur Zelle. Du kommst in einen Engpass an Sauerstoff, aber nicht im Blut, denn die Sauerstoffsättigung im Blut ist ja konstant. Der Sauerstoff kommt nicht zur Zelle (Gehirn, Organ, Muskel, etc.), in der er für reibungslose Stoffwechselprozesse benötigt wird. Dein Blut hält den Sauerstoff fest – das nennt man Hypokapnie. Je höher hingegen dein CO2 Pegel steigt, desto besser funktioniert der Sauerstoffaustausch von Blut zur Zelle und dein Stoffwechsel läuft wie geschmiert.

 

Problem Zusammengefasst:

Dein Gehirn wurde in der Stressphase durch falsche Atmung umprogrammiert. Es signalisiert schon bei geringem CO2 Pegel Lufthunger und löst den Atemreflex aus. Du atmest und atmest, hältst den CO2 Pegel dadurch unten und deine Zellen bekommen nicht genügend Sauerstoff ab, obwohl das Blut ausreichend gesättigt ist. Du steckst in einem ganz fatalen ratrace. 

Lösung des Problems:

Um dieses Hamsterrad zu durchbrechen, musst du deinen Körper folglich darauf trainieren, wieder mehr CO2 zu vertragen. Du musst die Toleranzschwelle deiner Rezeptoren für CO2 wieder auf das ursprüngliche Niveau bzw. sogar darüber hinaus verschieben. Denn der Schlüssel zur Freisetzung des Sauerstoffs aus den roten Blutkörperchen ist das CO2.

Wie du dieses Wissen in der Praxis umsetzt und deine CO2 Toleranzschwelle gezielt anhebst, erfährst du im nächsten Blog. Es ist nicht schwer und lohnt sich vorbeizuschauen.

1 Antwort

Trackbacks & Pingbacks

  1. […] letzten Blog zum Thema „Atmung“ habe ich ein wenig Input zur Physiologie der Atmung gegeben, aufgezeigt, warum viele von uns falsch […]

Dein Kommentar

Want to join the discussion?
Feel free to contribute!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.